Nachruf  Dr. med. Claudia Sies 

Es ist uns wichtig, dass jede Sichtweise ihre Berechtigung hat und alle nebeneinander Platz haben. Richtig und falsch sollten keine Kategorien für uns sein, sondern alle Diskussionsbeiträge helfen, ein Ganzes zu schaffen. Je größer die Vielfalt desto besser. Wenn nur einer Recht hätte und für alle wüsste, wie der Hase läuft ginge diese Vielfalt verloren (Claudia Sies 2001, Interview in der Rheinische Post). 

  

Die Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf e.V. trauert um ihre Gründerin Dr. Claudia Sies, Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikerin. Sie verstarb am 10.12.2023. 

 

Claudia Sies war Inspiration und Ansporn für die Menschen in ihrem Umfeld. Ihre Präsenz, ihr Charme, ihre Schlagfertigkeit und Scharfsinn, sowie ihre Streitbarkeit für Vielfalt und ihr Interesse am Unbewussten und Fremden, waren prägend für die Kultur der Akademie. Ihr Engagement galt in besonderer Weise der Psychoanalyse in ihrer Relevanz für die Moderne und dem Diskurs mit der Öffentlichkeit. 

 

Die Gründung der Akademie erfolgte 1996 in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität und dem damaligen Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Dr. Wolfgang Tress. Bis 1998 wurden – auch auf ihre Initiative hin – eine Reihe von Mitgliedsinstituten gegründet, die sich der Psychoanalyse in ganz unterschiedlichen zwischenmenschlichen Bereichen und gesellschaftspolitischen Kontexten widmen. 

 

Im Vorstand hatte sie es sich zur Aufgabe gemacht, das vorrangige Anliegen der Akademie, die Öffnung der Psychoanalyse für eine breite Öffentlichkeit, auf den Weg zu bringen. Den ersten „Tag der Akademie“ plante und moderierte sie mit großem Erfolg. Er fand am 29.September 2001 unter dem Titel „Vom Eigenen und vom Fremden. Psychoanalyse transkulturell“ statt, ein Thema, das bis heute nichts an seiner Aktualität eingebüßt hat. Am 2. Februar desselben Jahres startete unter ihrer Leitung die Reihe „Psychoanalyse und Film“, in der, in Kooperation mit der Rheinischen Post und der Black Box in Düsseldorf, ganz unterschiedliche Filme von Psychoanalytikern interpretiert und mit dem Publikum diskutiert werden. Den Aufschlag machte Claudia Sies mit „Funny Bones“ von Peter Chelsom. Vorführung und Interpretation wurden anlässlich der 10-Jahres-Feier und des großen Erfolgs der Reihe wiederholt. 

Claudia Sies wurde 1940 in Prag geboren und wuchs in Leipzig auf; ihr Medizinstudium absolvierte sie ab 1960 in München. Dort entschied sie sich für die Ausbildung zur Psychoanalytikerin und arbeitete in freier Praxis. 1979 erfolgte ihr Umzug ins Rheinland. Sie gehörte 1981 zu den Gründungsmitgliedern des Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie Düsseldorf e.V. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass am Institut auch eine Abteilung für die Ausbildung Analytischer Kinder- und Jugendlichentherapeuten entstand. Sie war zunächst zweite Vorsitzende des Instituts, bis sie in der Nachfolge von Prof. Annelise Heigl-Evers zur ersten Vorsitzenden gewählt wurde. Das psychoanalytische Institut gehört zu den Mitgliedsvereinen der Akademie. 

 

Claudia Sies hat sich eingebracht und eingemischt. Als Psychoanalytikerin, Paartherapeutin, Gruppenanalytikerin und Organisationsberaterin stand sie für Zwischenmenschlichkeit in all ihren Schattierungen und ohne Tabus. Sie tat dies in Interviews, im Radio oder TV. Fundament waren der Wert, die Wirksamkeit und die Sichtbarkeit der Psychoanalyse. Zu ihren zahlreichen Veröffentlichungen zählen populäre Ratgeber genauso wie Publikationen in Fachbüchern und Fachzeitschriften. An dieser Stelle sei besonders erinnert an ihre Rezeption des radikalen Konstruktivismus und die frühe Zusammenschau von „Psychoanalyse und Neurobiologie“, ein Buch, das sie gemeinsam mit Prof. Dr. Tobias Brocher bereits 1986 mit dem Untertitel „Zum Modell der Autopoiese als Regulationsprinzip“ veröffentlicht hat. 

 

Dr. Claudia Sies Wirken war vielfältig und wir sind ihr zutiefst dankbar. Wir fühlen mit ihrer Familie, ihren Kindern und Enkelkindern. Sie haben einen großen Verlust erlitten.  Doch ihr Lebenswerk wird lebendig und wirksam bleiben. 



Für den Vorstand der Akademie

Prof. Dr. Matthias Franz              Dr. Beate West-Leuer

Aktuelles

Podcast mit Prof. Matthias Franz zu wir2

Interview mit Yvonne Herda im Rahmen der Podcastreihe von "Elefantenreise" zum Thema "Risikogruppe Alleinerziehende. Wieso sie häufiger an einer Depression erkranken und was sie brauchen um gesund zu bleiben".

Neuerscheinung am 11. September 2023: Das Buch zum Tag der Akademie 2022 "Wirre Welten - klare Welten. Zur Produktion von Verwirrung"

Herausgeber:  Prof. Christoph Weismüller und Prof.  Matthias Franz.
Hier können Sie den Informationsflyer zum Buch downloaden: Info-Flyer

Neu erschienen im November 2022: Das Buch zum Männerkongress "Männliche Erotik" 

Herausgeber: Prof. Dr. Matthias Franz und Dr. André Karger. 

Ein Bericht über die Filmfestspiele Venedig von unserer stv. Vorsitzenden Beate West-Leuer auf LinkedIn  

Beate West-Leuer berichtet von ihrem Besuch der Filmfestspiele. Der Beitrag ist über den Link rechts abrufbar.

„Jungenbeschneidung - mehr als nur ein kleiner Schnitt" 

Film von Insa Onken

Die Entfernung der Vorhaut ist die am häufigsten durchgeführte Operation an männlichen Kindern weltweit - aus religiösen, kulturellen oder medizinischen Gründen. In Afrika setzte die WHO Jungenbeschneidung im Kampf gegen AIDS ein. Doch immer mehr Ärzte sagen, dass der Schaden größer ist als die medizinischen Vorteile und dass viel zu häufig operiert wird - auch in Deutschland.
 

Betroffene, die unter ihrer Beschneidung leiden, wagen zunehmend den Schritt an die Öffentlichkeit: sie fordern, dass auch Jungen vor medizinisch nicht notwendigen Beschneidungen geschützt werden und so ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit gewahrt wird. Trotz zunehmender Kritik ist die Meinung, eine Beschneidung bringe viele Vorteile, immer noch weit verbreitet. Der Film geht der Frage nach, wann eine Beschneidung medizinisch tatsächlich sinnvoll ist und stellt die Ethik dieser Jahrtausende alten Praktik kritisch in Frage.

 

https://www.thurnfilm.de/jungenbeschneidung-mehr-als-nur-ein-kleiner-schnitt/


Interview mit Prof. Dr. Matthias Franz (Vorstand) zur Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes vom 01.06.2022

Interview mit Prof. Dr. Matthias Franz (Vorstand) über die Rolle des Vaters vom 25.05.2022

Nachruf Prof. Dr. Dr. W. Tress

Am 6. März 2023 verstarb Prof. Dr. Dr. Wolfgang Tress, ehemaliger Direktor des Klinischen Institutes für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Düsseldorf sowie Direktor der universitären Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am LVR-Klinikum Düsseldorf, im Alter von 74 Jahren. Er hatte von April 1990 bis Januar 2016 den Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine- Universität inne. Er war sowohl wissenschaftlich als auch berufspolitisch für die Entwicklung der Psychosomatischen Medizin und ihrer Versorgungsstrukturen in Deutschland von größter Bedeutung. 

 

Nach dem parallel absolvierten Studium der Psychologie und Medizin an der Universität Mainz, wo er im Fach Medizin promoviert wurde, folgte die psychiatrische Ausbildung am Zentralkrankenhaus der Bundeswehr in Koblenz und an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg sowie 1980 der Abschluss seiner Weiterbildung zum Psychoanalytiker. In dieser Zeit entwickelte er ein anhaltendes und immer wieder spürbares Interesse an Fragestellungen der Linguistik und der analytischen Philosophie, das schließlich in einer weiteren Promotion zum Doktor der Philosophie mündete. Der Weg in die Psychosomatische Medizin führte ihn ab 1983 in die Psychosomatische Klinik am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, wo er sich als leitender Oberarzt 1985 mit einer epidemiologischen Studie „Frühkindliche protektive Faktoren gegen spätere psychogene Erkrankungen“ habilitierte und wesentliche Prädiktoren psychischer Resilienz identifizierte. Nach weiteren fünf Jahren klinischer Leitungstätigkeit und intensiver wissenschaftlicher Arbeit innerhalb eines DFG-Sonderforschungsbereichs zu Fragen der experimentell-epidemiologischen Forschung anhand von Risikomodellen psychogener Erkrankungen sowie der psychotherapeutischen Prozessforschung im Bereich der stationären Psychotherapie folgte Dr. Dr. Tress dem Ruf auf den Düsseldorfer Lehrstuhl für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. 

 

Die klinische Erforschung psychotherapeutischer Prozesse auf Basis der Bindungstheorie und komplexer Persönlichkeitsmodelle und die sozialempirisch-epidemiologische Identifikation von Risiko- und Schutzfaktoren in Bezug auf psychosomatische Erkrankungen blieben auch hier wichtige Forschungsfelder, aus denen heraus Prof. Dr. Dr. Tress wegweisende Impulse für die Entwicklung innovativer Versorgungsstrukturen insbesondere im Bereich der psychosomatischen Grundversorgung und der transkulturellen Psychotherapie entwickelte. 

Als akademischer Lehrer war er gleichermaßen inspirierend wie fördernd zugewandt, sodass aus dem Kreis seiner Mitarbeitenden zahlreiche Kolleginnen und Kollegen auf Lehrstühle und chefärztliche Positionen berufen wurden. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Psychosomatische Medizin in vielfältiger Weise hinein in benachbarte medizinische Handlungsfelder wie Psychoonkologie, Psychodiabetologie und Public Health. 

 

Im Bereich der psychophysiologischen Grundlagenforschung, der Affektforschung, der Epidemiologie und der bindungsorientierten Prävention entwickelten sich unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Tress in Düsseldorf vielfältige innovative Forschungsaktivitäten und internationale Kooperationen.

 

Für seine Patientinnen und Patienten war er als Psychotherapeut und Psychoanalytiker ein mitfühlender, zuwendungsbereiter und zuverlässiger Arzt, der ihnen mit hoher Fachlichkeit und seiner ganzen Persönlichkeit und Lebenserfahrung zur Seite stand. In Düsseldorf war er zudem auch der Gründer der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik, der Initiator der Psychotherapietage NRW und langjähriger Vorsitzender der Heigl-Stiftung. In seinen vielfältigen Funktionen und zahlreichen Ämtern hat er – mit Elan, Takt und klarem Blick auf die Wichtigkeit der Psychosomatischen Medizin für die gesamte Medizin – deren Sichtbarkeit wie auch die Qualität der psychosomatischen Forschung intensiv gefördert. 

 

Dazu war er als Mensch und Ratgeber immer ansprechbar und hat mit seiner ruhigen, verbindlichen Art in manchmal auch schwierigen Situationen viel Gutes bewirkt. Wolfgang Tress hinterlässt seine Frau, seine Kinder und Enkelkinder  – und ein großes Werk. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren und fühlen mit den Hinterbliebenen.

Für den Vorstand der Akademie

Prof. Dr. Matthias Franz                   Dr. Beate West-Leuer